Gute Geriatrie beginnt mit Respekt, Selbstbestimmung und dem Blick auf vorhandene Fähigkeiten.
Drei Fragen an : Dr. med. Jörg Konrad Mellies
Für mich beginnt gute Geriatrie mit der Haltung gegenüber dem älteren Menschen. Unsere Patienten bringen ein langes Leben, viel Erfahrung und meist sehr klare Vorstellungen davon mit, wie sie leben möchten. Das verdient Respekt – und dazu gehört für mich vor allem, ihr Selbstbestimmungsrecht ernst zu nehmen.
Deshalb schaue ich nicht zuerst darauf, was jemand nicht mehr kann, sondern auf das, was noch da ist und was sich vielleicht wieder zurückgewinnen lässt. Im Gespräch habe ich es einmal ganz einfach formuliert: „Da geht noch was.“ Genau diese ressourcenorientierte Sichtweise ist für mich ein wesentlicher Teil guter Altersmedizin.
In der Geriatrie behandeln wir nicht nur die akute Erkrankung. Gleichzeitig beginnt sehr früh die Rehabilitation. Wir wollen verhindern, dass ein älterer Mensch durch eine Erkrankung, eine Operation oder den Krankenhausaufenthalt dauerhaft mehr Selbstständigkeit verliert als notwendig.
Dabei können die Ziele sehr unterschiedlich sein: wieder sicher aufstehen, selbstständig essen, sich waschen oder anziehen, mit Unterstützung wieder nach Hause zurückkehren – oder auch in einer anderen Wohnform mobiler und selbstständiger zu sein als zuvor. Für mich ist entscheidend, gemeinsam mit dem Patienten und den Angehörigen realistisch zu fragen: Was ist noch möglich, und was ist der nächste Schritt?
Manchmal hilft dabei auch der Satz: „Einen Versuch haben wir noch.“ Nicht als falsches Versprechen, sondern als Haltung, vorhandene Möglichkeiten wirklich auszuschöpfen.
Geriatrie funktioniert für mich nur im multiprofessionellen Team. Medizin, Pflege, Physiotherapie, Neuropsychologie, Ergotherapie, Logopädie und Sozialdienst betrachten unterschiedliche Seiten desselben Menschen. Erst wenn diese Perspektiven zusammenkommen, entsteht ein vollständiges Bild.
Dabei ist mir wichtig, dass die Beiträge aller Berufsgruppen ernst genommen werden. Was die Pflege beobachtet, ist für den nächsten Behandlungsschritt genauso wichtig wie eine ärztliche oder therapeutische Einschätzung. In einer guten Teamvisite geht es deshalb nicht nur um die Frage „Wo liegen die Probleme?“, sondern vor allem um: Was kann der Patient? Was glauben wir, was er wieder erreichen kann? Und was machen wir als Nächstes?
Genau diese Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist für mich eine besondere Stärke der Geriatrie.
Vita
- Dr. med. Jörg Konrad Mellies
- Geboren 1962 in Düsseldorf
- Studium in Essen
- 2006
- Abschluss MBA-Studiengang Krankenhausmanagement, FH Hannover, FH Neu-Ulm
- 1998 – 1999
- Facharzt für Neurologie, Ruhr-Universität Bochum
- 1994 – 1998
- Städtische Kliniken Osnabrück
- 1994
- Neurologie, Montréal General Hospital, McGill University, Canada
- 1993 – 1994
- Medizinisch-Geriatrische Universitätsklinik Bochum, Marienhospital Herne
- 1986 – 1993
- Studium der Humanmedizin an der Universität- Gesamthochschule Essen
- 1983 – 1986
- Ausbildung zum staatl. anerk. Altenpfleger und Pflegegruppenleiter, Essen
- Seit 01.10.2026
- Chefarzt der Klinik für Geriatrie Maria Hilf Mönchengladbach
- 2024
- Sektionsleiter Neurologie, Bethlehem Gesundheitszentrum Stolberg
- 2007
- Chefarzt der Geriatrischen Klinik des Luisenhospitals Aachen
- 1999
- leitender Oberarzt der Neurologischen Abteilung der Westfälischen Klinik Gütersloh
- 2019
- Zusatzweiterbildung Arzt für Sportmedizin
- 2013
- Zusatzweiterbildung Rehabilitationswesen
- 2004
- Fakultative Weiterbildung Klinische Geriatrie in der Neurologie
- Zertifikat „Spezielle neurovaskuläre Ultraschalldiagnostik“ (DEGUM, DGN)
- Ausbilder für Schluckendoskopie /FEES der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)
- Internationales Diplom in Berg- und Höhenmedizin (UIAA)
- Weiterbildungsbefugnis für Geriatrie (18 Monate)
- Weiterbildungsbefugnis Neurologie (12 Monate)
- Weiterbildungsbefugnis Rehabilitationswesen (12 Monate)
RWTH Aachen, Geriatrie in der Allgemeinmedizin (seit 2008)